"Irgendwann habe ich mich nicht mehr getraut, in meine Mails zu schauen"

Moritz Baumert ist eines der „Kulturgesichter“ Dresdens. Die Initiative gibt Kulturschaffenden ein Gesicht. Inzwischen ist eine Spendenaktion gestartet.

Von Tom Vörös
Moritz Baumert ließ sich wie rund 400 andere Kulturschaffende im Alten Schlachthof Dresden fotografieren.
Moritz Baumert ließ sich wie rund 400 andere Kulturschaffende im Alten Schlachthof Dresden fotografieren. © Daniel Scholz / PR

Bereits als Teenager stieg Moritz Baumert in den Beruf des Tontechnikers ein. Der Dresdner ist seither national unterwegs, betreut zwei hiesige Clubs und betreibt ein kleines Tonstudio. Im Interview erzählt er, wie die Musik plötzlich verstummte, wie er sich zwangsläufig umorientierte und wie sich der Sound seines Alltags wandelte.

Als Tontechniker hatte sich Moritz Baumert bereits einen Namen in der Branche gemacht.
Als Tontechniker hatte sich Moritz Baumert bereits einen Namen in der Branche gemacht. © privat

Wie sind Sie zu einem der "Kulturgesichter" geworden?

Die "Kulturgesichter"-Kampagne ist eine Aktion die in vielen Städten Deutschlands gestartet ist. Wir Kulturschaffenden wollen damit medienwirksam Sichtbarkeit und Beachtung für die Branche erreichen, die wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig in Deutschland durch die Pandemie betroffen ist. Alarmstufe Rot oder der Berufsverband ISDV e.V. treten auf Landes- oder Bundesebene für die Branche ein, "Kulturgesichter" als Kampagne hingegen versucht die Aufmerksamkeit auch auf die lokale Szene zu richten. Dahinter stehen Schauspieler, Booker, Veranstalter, Konzertagenturen, Musiker, Künstler, Caterer, technische Dienstleister und Clubs, die jahrelang die Dresdner Kulturszene, sowohl vor, als auch hinter den Kulissen am Leben erhalten haben. Ohne uns ist‘s und bleibt es dann still. Der Sache angenommen haben sich Stephan Tautz (Klubnetz Dresden), Martin Vejmelka (Landstreicher Konzerte), Uwe Stuhrberg (SAX-Stadtmagazin) und ein Team aus mehreren Kulturschaffenden aus Dresden, die ehrenamtlich die Shootings im Alten Schlachthof mit den Fotografen Daniel Scholz & Christin Nitzsche organisiert haben. Über ein Formular konnten sich alle, die wollten, für die Aktion registrieren und diese unterstützen. Danke für euer Engagement!

Wie erging es Ihnen im ersten Lockdown?

Das Jahr 2020 fing für mich mit einem vollen Terminkalender bis in den Dezember hinein an. Im ersten Lockdown war ich die ersten Wochen ziemlich perplex, in einer Art Schockstarre und wollte die Situation nicht wahrhaben. Ich habe mich von Verordnung zu Verordnung gehangelt und Woche für Woche gehofft, dass sich eine Perspektive für die Veranstaltungswirtschaft und für die Gastronomie ergibt. Die ersten Wochen habe ich viel Equipment gewartet, sortiert, aufbereitet und die Zeit für Dinge genutzt, für die man sonst in der Saison keine Zeit hat. Irgendwann habe ich mich gar nicht mehr getraut, in meine Mails zu schauen, da täglich Absagen eintrafen und das bereits auch schon weit bis in den Herbst hinein. In dem Moment wollte ich noch nicht wahrhaben, dass ich mich wohl bis auf weiteres in Abstinenz meines Berufs, der auch eine Berufung und Leidenschaft ist, üben muss. Irgendwann gab es ein Licht am Ende des Tunnels und die Verordnungen machten es wieder möglich, Veranstaltungen im kleinen Rahmen stattfinden zu lassen. Die Event-Branche hat sich wie auch die Gastronomie, Hygiene-Konzepte überlegt und umgesetzt, um unter harten Auflagen trotz andauernder Pandemie wieder etwas Kultur stattfinden zu lassen.

Und im zweiten Lockdown?

Im zweiten Lockdown war es natürlich wieder ein großer Schock, welcher sich aber diesmal schon etwas länger ankündigte. Fragen blieben dennoch viele und die Hoffnung, so weiter zu machen wie noch im Sommer, war schnell vorüber. Viele Konzerte mussten wieder abgesagt werden, in die bereits eine immense Vorarbeit investiert wurde, insbesondere auch aufgrund von Hygiene-Konzepten und Extra-Anschaffungen. Der gesamten Branche lag immer ein hohes Interesse daran, die Auflagen zu erfüllen und alles in Windeseile für die jeweiligen Konzert-Locations umzusetzen und eigene Konzepte zu erschaffen. Das war schon ein ziemlicher Schlag ins Gesicht!

Inwiefern mussten oder wollten Sie sich umorientieren?

Also von Wollen kann nicht die Rede sein, mir blieb keine andere Wahl. Ich hatte meine letzte Show am 7. März 2020 und seitdem kein Geld verdient und ausschließlich vom Ersparten gelebt. Im Sommer fanden dann einige Livestreams und „Corona-Shows“ statt. Das hat aber bei weitem nicht das gedeckelt, womit man bereits im Jahr zuvor geplant hatte. Deswegen war ich gezwungen, wie viele meiner Kollegen auch, mich umzuorientieren. Ich habe für eine Weile beim Bäcker als Verkäufer gearbeitet. Später, als immer klarer wurde, dass es so schnell keine bessere Perspektive geben wird, bin ich zurück in die Soziale Arbeit und war froh noch ein zweites, sicheres Standbein zu haben. Einige Kollegen arbeiten jetzt auf dem Bau, als Verkäufer, Lieferfahrer oder in anderen fernen Berufen.

Was haben Sie für Pläne - 1. wenn die Perspektive so schlecht bleibt wie jetzt oder 2. wenn es relativ schnell wieder losgeht in der Live-Branche?

Ich bezweifle stark, dass es ein „schnell“ geben wird. Für mein Empfinden wird es ein langsamer Weg zurück in die Normalität und die Art und Weise, wie wir Kultur erleben und stattfinden lassen können, wird auf geraume Zeit eine andere sein. Eins der größten Probleme für die Kultur- Branche stellt die derzeitige Unplanbarkeit und Perspektivlosigkeit dar. Deswegen sind Kampagnen wie Alarm Stufe Rot oder die "Kulturgesichter" so essentiell, um medienwirksam auf die äußerst prekäre Situation dieses Wirtschaftszweiges hinzuweisen. Wenn es ein klares Ziel gäbe, welches an Bedingungen geknüpft ist, mit dem man sinnvoll planen kann, würde das vieles leichter machen für die Veranstalter. Ich bin mit meinem Job im sozialen Bereich zunächst abgesichert, aber ich mache mir große Sorgen um viele aus der Branche. Denn bei vielen sind die gewährten Hilfen nicht angekommen oder sind aufgrund bestimmter individueller Kriterien gar nicht erst gewährt wurden. Da muss wirklich was passieren, denn die Lage ist Ernst! Durch einen Perspektivwechsel sollte jedem auch bewusst werden, was es mit Menschen macht, wenn sie seit nun fast einem Jahr kein Geld mehr verdient haben. Da hängen Existenzen, Menschen und vor allem auch Familien dran.

Was macht für Sie die Arbeit als Tontechniker so spannend?

Die Arbeit im Studio und im Live-Bereich ist grundverschieden! Gerade im Studio schätze ich die kreative Arbeit an den kleinsten Details, die dem Song den Charme verleihen, der ihn am Ende einzigartig macht. Es ist ein super vielseitiger Job, jeder Tag ist anders, und es schleicht sich kein wirklicher Alltag ein. Im Live-Bereich ist man näher am Konsumenten, alles hat etwas mehr Rock’n’Roll und man erlebt die Emotionen, die Musik überträgt sich viel unmittelbarer. Jedes Konzert ist einzigartig. Es macht mich stolz wenn das, was man in kreativer, wie auch technischer Vorarbeit mit dem Künstler geplant hat, dann in der Umsetzung vom Publikum belohnt wird. Ich glaube da spreche ich für alle, die in der Branche arbeiten: Es ist für uns nicht nur ein Beruf sondern Leidenschaft!

Das erste Interview der Reihe mit Mit-Organisator Martin Vejmelka ist hier zu lesen.

Hier geht's zur Spendenaktion:

www.startnext.com/kulturgesichter-dresden

Kulturgesichter Dresden

www.kulturgesichterdresden.de

Alle aktuellen Interviews dieser Reihe finden Sie hier:

Besuch bei...Veranstaltern und Künstlern im zweiten Lockdown

Im ersten Lockdown vor einem Jahr sprachen wir mit noch vielen weiteren Veranstaltern und Künstlern. Hier die komplette Reihe:

Anruf bei Veranstaltern, Künstlern und Gastronomen in der Corona-Krise