"Für den Kontakt zum Publikum, dafür brenne ich"

Der Illustrator und Grafiker "foodie" ist Teil der Initiative „Kulturgesichter Dresden", die Kulturschaffenden ein Gesicht gibt und Spenden sammelt.

Von Tom Vörös
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Der junge Künstler foodie ist eines von rund 400 "Kulturgesichtern" Dresdens. © Daniel Scholz / PR

Philipp Volkenhoff nennt sich foodie und arbeitet in Dresden als Illustrator und Grafiker für verschiedenste Projekte. Im Interview erzählt er von der Leidenschaft zum Beruf, einem schwierigen Jahr 2020 und wie er in den Beruf "reingeschlittert" ist.

Auf neue Livepaintings freut sich foodie zurzeit am meisten.
Auf neue Livepaintings freut sich foodie zurzeit am meisten. © Phillip Bischoff / PR

Was sind Sie für ein Künstler und woran arbeiten Sie aktuell?

Ich bin Illustrator und Grafiker und arbeite in den Bereichen Livepainting, Illustration und Animation. Die letzten paar Monate habe ich mich mit meinem Kotburschi Kollektiv auf Musikvideos fokussiert, darunter sind z.B. Produktionen für Fatoni & Edgar Wasser, davor für die 257ers und Morlockk Dilemma entstanden. Unsere Wurzeln liegen aber in der Illustration und dem Livepainting, z.B. bei der Lesebühne LMBN in Dortmund, wo wir zusammen mit Sebastian 23, Jan-Philipp Zymny und anderen Poetryslam-affinen Menschen einen ganzen Abend künstlerisch begleitet haben. Während die lyrischen Freundinnen und Freunde ihre Texte vortrugen, wurde unser gemaltes Bild über einen Beamer an einer Leinwand hinter ihnen projiziert.
Jedes Jahr veranstalten wir, zusammen mit dem Palais Palett, den MalJam Jumble, ein interdisziplinäres Kunstfestival der Extraklasse, zu dem im Laufe dieses Jahres auch noch ein kleines Jahrbuch erscheinen wird. Hauptbestandteil des Festivals ist dabei der namensgebende MalJam, ein abendfüllendes Livepainting-Format, bei dem das Publikum zum großen Teil in die Entstehung der Kunstwerke einbezogen wird. Seit drei Jahren findet der MalJam Jumble im objekt klein a in Dresden statt, davor in der Utopiastadt Wuppertal. Der MalJam an sich funktioniert als kleines Event so gut wie überall, den letzten gab es letztes Jahr zum Stadt Kunst Fest in Großenhain.

Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Wie wahrscheinlich die meisten, bin ich in diese ganze lllustrations-Geschichte eher reingeschlittert, es hat sich schon eher aus einem Hobby ergeben und ein großer Bestandteil davon war auch einfach die gemeinsame Arbeit im Kollektiv. So konnte man sich schon früh autodidaktisch ein kleines Standbein aufbauen, sich gegenseitig unterstützen und zusammen an Projekten arbeiten.
Mein erster Paint Club war in Halle, zu dem ich noch richtig weit aus dem Ruhrgebiet angefahren kam, aber diese Art von Veranstaltung hat mich auf jeden Fall ziemlich geprägt.

Wie sind Sie nach Dresden gekommen?

Bevor ich nach Dresden gekommen bin, habe ich Grafikdesign an der FH Dortmund studiert, was mir neue Grundlagen vermittelt und nochmal bewiesen hat, dass es eigentlich genau der richtige Weg ist, den ich gehe. Was nicht heißt, dass man den Kram unbedingt studieren sollte oder muss. Ganz im Gegenteil habe ich die meisten für mich wichtigen Erfahrungen direkt in der freien Arbeit gemacht, Kaltes-Wasser-Methode. Im Nachhinein hat sich das Studium aber als gute Selbstfindungsphase entpuppt.

Wie entstehen Ihre Kreationen, Ihre Ideen?

Ich befasse mich ziemlich viel mit älterer Popkultur. Comics, Serien, Mangas, lustige Pins von Ebay, Plastikspielsachen aus der DDR, Bootlegserien aus Japan, komische Gummitiere, Wackelaugen, Clipart, so ein Kram eben. Ich leihe Filme aus der Phase IV in der Neustadt aus (was ihr auch machen solltet) und ich bin, glaube ich, generell ziemlich viel im Internet unterwegs. Zumindest sagt das meine Bildschirmzeit.
Ganz ganz großen Einfluss übt aber auch einfach mein Umfeld auf mich aus. Sobald ich sehe, dass irgendwer aus meinem Freundeskreis eine unglaublich krasse illustrative Arbeit vollbracht hat, spornt mich das ungemein an, auch selbst wieder den Federkiel gewissenhaft zu schwingen. Meine Freund*innen und Freunde sind meine Vorbilder und Inspirationsquelle.
Technisch gesehen kommen die meisten meiner Arbeiten aus dem digitalen Pinsel, das hat sich einfach so ergeben. Das Livepainting passiert dann immer mit Filzmarkern auf Acrylbasis und ganz normalem Menschenpapier. Das digitale Arbeiten spart zumindest physischen Platz und ist ganz praktisch, wenn man viel unterwegs ist und von überall arbeiten kann.

Was haben Sie dieses Jahr noch vor?

Letztes Jahr war sehr wackelig, was Veranstaltungen und Livepaintings angeht, aber wem sag ich das. Wir konnten zwar ein paar Sachen realisieren, einen MalJam in Großenhain oder ein Livepainting beim DAVE Festival mit ARDA und Kumo, aber im Grunde steht uns so eine Ungewissheit auch dieses Jahr noch bevor.
Das gibt mir persönlich aber eine ganz gute Grundlage, mich einfach besser auf das nächste Jahr vorzubereiten und dann, wenn es soweit ist, wieder richtig durchzustarten.
Bis dahin bin ich aber optimistisch. Wir planen unseren MalJam Jumble für den 19. bis 22. August und ich denke, dass wir den auch wie geplant durchführen können. Wenn nicht, machen wir’s wie letztes Jahr und planen das Festival einfach innerhalb eines Monats nochmal komplett um.

Wie stark sind Sie von der aktuellen Situation betroffen?

Meine Hauptarbeit bestand bis zum letzten Jahr größtenteils aus einer Mischung aus Gestaltung von Plakatdesigns und Livepaintings. Das ist ja beides ziemlich abrupt weggebrochen, konnte aber durch die kleine Überbrückungshilfe und die Golddublonen in meinem Geldbunker relativ gut abgefedert werden. Wie gesagt, ich habe mich dann in letzter Zeit mehr auf Musikvideos konzentriert. Aber mir fehlt das Livepainting, das Malen vor Publikum und das Planen unseres MalJams. Das klingt zwar kitschig, aber dafür brenne ich einfach, die Interaktion, das Einbeziehen des Publikums und dass jeder MalJam so gut wie komplett unterschiedlich ist, das ist das Schönste für mich.
Ich bin mir dem Privileg, von meiner illustrativen Arbeit leben zu können, bewusst und auch, dass ich es ohne größere Turbulenzen bisher geschafft habe, mich über Wasser zu halten.
Ich wünsche mir, dass das "Kulturgesichter"-Projekt dabei helfen kann, auch bei Leuten außerhalb der Kreativblase ein Bewusstsein über die Situation zu schaffen, wie viele Kulturschaffende eigentlich wirklich von den Schließungen und den auferlegten Regeln betroffen sind.

www.kotburschi.de
instagram.com/hallo_foodie

Hier geht's zur Spendenaktion:

www.startnext.com/kulturgesichter-dresden

Kulturgesichter Dresden

www.kulturgesichterdresden.de

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