"Erst durch Corona kam ich mal so richtig zur Ruhe"

Martin Zech entdeckt die Welt von seinem Bus aus. Corona brachte für den Dresdner bisher nur Vorteile.

Von Tom Vörös
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Martin Zech filmt nicht nur Reisen, sondern auch Dinge aus seinem Alltag. © Teresa Dieckmann / PR

Von der großen weiten Welt zurück in sein kleines Bus-Apartment: Martin Zech hat ein vorbestimmtes gegen ein selbstbestimmtes Arbeitsleben getauscht. Mehrere Male hat der 33-Jährige die Welt ausgiebig bereist. Inzwischen kann er von den eigenen Reiseerfahrungen leben. Im Interview erzählt er, was Corona für ihn bedeutet, wie er zum Profi-Reisefilmer wurde, ob er das Reisen vermisst und warum er lieber dauerhaft im Bus wohnt als in einer Wohnung.

Der Globetrotter bereiste die Wüsten der Welt nicht nur sprichwörtlich.
Der Globetrotter bereiste die Wüsten der Welt nicht nur sprichwörtlich. © Teresa Dieckmann / PR

Wie haben Sie letztes Jahr den März und Corona erlebt?

Das war eine spannende Zeit. Wir hatten den zweiten Teil unser Asien-Reisefilm-Trilogie fast fertiggestellt, Plakate geklebt und uns nach monatelanger Arbeit auf die Premiere in der Schauburg Ende März gefreut. Corona hatten wir gar nicht so im Blick und dachten damals: Na, das wird schon passen. Eine Woche vorher hieß es dann: Es können nur noch 100 Leute ins Kino. Wir wollten es dann trotzdem machen, aber zwei Tage vor der Kinopremiere kam der Lockdown.

Wie ging es dann weiter?

Im ersten Moment war das natürlich ein Schock, auch angesichts der langen Vorbereitung. Aber wir wollten sowieso, auch unabhängig von Corona, den Film gleichzeitig auf Spendenbasis online herausbringen. Insofern hat uns die neue Situation zumindest in dieser Hinsicht kaum eingeschränkt. Premieren und Festivals waren zwar nicht möglich, dafür haben viele Leute die Filme im Internet gesehen und gespendet. Unter dem Strich hat das Corona-Jahr also kaum Nachteile gehabt.

Dann war die Resonanz im Internet also sehr groß?

Ja. Ich und meine Freundin haben ja schon 2018 angefangen, unsere Reisefilme zu bearbeiten und kostenlos ins Internet zu stellen. Viele sagten uns: Damit kann man kein Geld verdienen. Letztendlich ging es dann aber doch. Wenn ein bis zwei Prozent der Leute wirklich etwas spenden, dann reicht das für mich zum Leben vollkommen zu.

Wie stark fehlt so einem Globetrotter das Reisen zurzeit?

Früher bin ich ja sehr viel gereist, aber seit zwei Jahren bin ich hier in Dresden angekommen und habe einige Projekte mitgestartet, zum Beispiel ein Landprojekt in Brandenburg unter dem Stichwort Permakultur. Zu Beginn des Lockdowns haben wir mit unseren Bussen dort drei Monate verbracht, haben Gemüse angebaut und Projekte vorangetrieben. Trotz Corona hatten wir dort also die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen.

Dann hätte das Timing also kaum besser sein können?

Ja, schon irgendwie. Im Leben gibt es ja keine falschen Zeitpunkte, es kommt immer alles wie es kommt. Man muss es nehmen wie es ist und damit arbeiten.

Dann war dieses Ankommen also sowieso für 2020 geplant?

Genau. Zurzeit überlege ich, wann ich wieder einmal reisen möchte, aber momentan habe ich kein echtes Bedürfnis danach. Auch wenn man an einem Ort ist, kann den Ort ja trotzdem verändern und gestalten.

Wie ist Ihr Leben bisher verlaufen, wie wird man Reisefilmer?

Ich bin seit 25 Jahren, also seit meiner Kindheit, Dresdner, ursprünglich stamme ich aus Zwickau. Ich habe Medientechnik studiert, mich dann aber recht schnell als Filmemacher selbstständig gemacht, habe Werbefilme verkauft, produziert und damit Geld verdient. Dann bin ich auf längere Reisen gegangen, habe wieder Geld verdient. Über meine Reisen habe ich gelernt, dass ich meine eigenen Geschichten erzählen will. Und das mache ich nun schon seit circa neun Jahren.

Wie man auf Youtube sehen kann, gibt es ja viele, die versuchen, vom Reisefilmen zu leben, was sicher nicht einfach ist. Was war der Schlüssel bei Ihnen?

Als ich die Reisefilme noch verkauft habe, auf DVDs, in den Kinos usw., funktionierte die Sache noch nicht so gut. Erst nachdem ich sozusagen meine Filme verschenkt habe, bekam ich auch etwas zurück geschenkt. Wir hatten dieses Konzept mit der Freiwilligkeit ja schon vor Corona gestartet. Während des Lockdowns ist auf Spenden basiertes Arbeiten ja fast schon normal geworden. Daher ist unsere Sache seit März 2020 einfach gut weitergelaufen.

Ihr grüner Bus wurde, wie man in den Filmen sieht, oft repariert. Ist er zurzeit fahrtüchtig?

Ja. (lacht) Zwei Jahre hatte ich an dem Auto gebaut. Dann sind wir auf Reisen gegangen. Dort fiel mir dann auf, dass ich eigentlich gar nicht mehr zum Leben brauche. Und so wohne ich seit vier Jahren in dem Bus.

Und auf dem Wagenplatz in der Dresdner Neustadt. Wie lebt es sich dort?

Den Platz auf der Eisenbahnstraße gibt es jetzt seit fünf Jahren. Ich selbst bin seit drei Jahren dabei. Man kann sich das quasi wie eine Freiluft-WG vorstellen. Es ist eine wechselnde Gemeinschaft, zurzeit leben wir hier mit 15 Leuten zusammen und versuchen unser Leben so flexibel wie möglich und stressfrei zu gestalten. Mir ging es auch nicht primär darum, die Miete zu sparen, sondern eher um die Flexibilität und den Raum. Ich mag es, wenn ich mein Zuhause mitnehmen kann, da kann ich in der Natur oder eben hier sein. Diese Alltagserfahrungen in der Gemeinschaft, das kann schon spannend sein.

Gibt es gemeinsame Projekte?

Das kommt natürlich immer auch auf die aktuelle Corona-Lage an. Wir organisieren auch Konzerte oder Kinoabende. Da ist aktuell natürlich Pause. Aber wir kochen auch viel zusammen und jeder hilft mal dem anderen. Die Elektrik auf dem Platz wurde vor einem Monat komplett neu verlegt. Zurzeit bauen wir gemeinsam eine Wasserfilteranlage.

Der Wagenplatz liegt mitten in der Stadt, wie idyllisch ist das?

Das ist der perfekte Mix aus Stadt und trotzdem Freiheit für alle hier. Man kann in die Stadt und etwas erleben, ist aber trotzdem hier auf kleinem Raum, in einer Freiraum-WG. Wenn es im Sommer hier richtig grün ist, wir wieder viel anpflanzen und später ernten, dann ist das hier auch sehr hübsch.

Was haben Sie 2021 noch vor?

Viele Sachen entstehen ja eher spontan aus dem Prozess heraus. Viele Dinge die ich mache und die mir begegnen halte ich auf Filmen fest und stelle sie ins Internet. Ich habe auch noch den dritten Teil unserer Reise-Trilogie offen. Und auf dem Land in Brandenburg werden wir wieder Bäume und Gemüse pflanzen. Es ist aber im Grunde wirklich mal das erste Jahr in meinem Leben, in dem ich so wenig plane wie möglich. Sonst jagt immer ein Projekt das nächste. Corona hat das schon ein bisschen eingedämmt. Und jetzt merke ich, es fühlt sich richtig gut an, auch mal ein paar Monate einfach mal kein Ziel, kein großes Projekt zu haben. Sondern einfach Stück für Stück etwas Schönes zu erleben, schöne kleine, nachhaltige Sachen zu bauen. Letztes Jahr habe ich mit Freunden einen Bauwagen aus recycletem Material gebaut.

Worauf freut man sich im dritten Teil Ihrer Film-Trilogie?

Auf meine Erfahrungen im Iran. Dort habe ich eine extreme Gastfreundlichkeit kennengelernt, die mich bis heute prägt und auch meine Sicht auf die Welt komplett verändert hat. Diese Freiwilligkeit, das Verschenken. Ich verschenke meine Arbeitszeit an andere und das Leben schenkt mir etwas zurück. Und das habe ich im Iran zuerst gelernt. Dort kann man nicht einfach auf der Straße spazieren, ohne dass man zum Tee eingeladen wird.

Genügsam um die Welt - Martin Zech in seinem Zuhause auf vier Rädern.
Genügsam um die Welt - Martin Zech in seinem Zuhause auf vier Rädern. © Teresa Dieckmann / PR

www.herrlehmanns-weltreise.de

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