„Ich war schon immer der Klassenclown und Sprücheklopfer“

Ein Lehrer, der auszog, um Leute zum Lachen zu bringen. Jonas Hoffmann entschied sich noch kurz vor Corona für eine Comedy-Karriere, hält aber auch in Krisenzeiten wacker durch und freut sich auf das Rampenlicht.

Von Tom Vörös
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Jonas Hoffmann gehört zu den „Kulturgesichtern Dresden“. Die Aktion möchte auf die prekäre Lage von Kulturschaffenden aufmerksam machen. © Daniel Scholz / PR

Jonas Hoffmann wagte noch vor Corona den Schritt heraus aus einem sicheren Lehrerjob, hin zu einer möglichen Karriere als Comedian. Der 32-Jährige absolvierte bereits einige Auftritte auf namhaften Bühnen und ist dabei, seine Künstlerpersönlichkeit zu entwickeln. Im Augusto-Interview erzählt er von turbulenten Zeiten Anfang 2020, von den Schwierigkeiten im Lockdown und vom Traum, demnächst die Bühnen der Comedy-Szene zu entern.

Jonas Hoffmann möchte bald wieder ins Rampenlicht. Bis dahin präsentiert er sich im Internet.
Jonas Hoffmann möchte bald wieder ins Rampenlicht. Bis dahin präsentiert er sich im Internet. © PR/Mirko Stödter

Hallo Jonas, wie bist du eigentlich dazu gekommen, Comedian zu werden?

Ich habe mich schon immer für Comedy interessiert und war in der Schule auch von Anfang an der Klassenclown und Sprücheklopfer. Ich hatte großen Spaß und eine tolle Schulzeit. Bereits als Kind war ich ein großer Otto-Fan und habe mir als Jugendlicher die ganzen 90er- und 2000er-Comedy-Shows im Fernsehen angeschaut. Ich liebte „Die Wochenshow“ mit Ingolf Lück, Anke Engelke und Bastian Pastewka, schaute gern „Was guckst du?!“ mit Kaya Yanar und natürlich „TV Total“. Ich habe auch immer gerne Leute parodiert, aber nie gedacht, dass ich selbst mal Comedy machen würde.

Was bist du denn von Beruf?

Ich bin eigentlich Gymnasiallehrer für Deutsch, Ethik und Philosophie, habe dann aber im Februar 2020 den Entschluss gefasst, es als Comedian mal zu versuchen. Rückwirkend gesehen war das aufgrund der ab März vorherrschenden Pandemie natürlich der denkbar schlechteste Zeitpunkt dafür, aber das wusste ich im Februar natürlich noch nicht. Ich dachte mir: Ich gehe jetzt meinen Träumen und meiner Leidenschaft nach und mache das, was mir Spaß macht. Wann, wenn nicht jetzt? Wenn es nicht funktioniert, kann ich ja immer in den Lehrerberuf zurück. Es ist auch ein gutes Gefühl diese Sicherheit und diesen Plan B zu haben. Sein Studium bzw. seine Ausbildung zu beenden kann ich daher nur jedem empfehlen.

Hast du den Lehrerjob gern gemacht?

Auf jeden Fall! Als Lehrer Kindern und Jugendlichen Wissen und Erfahrungen zu vermitteln und sie auf das Leben vorzubereiten, das finde ich toll. Aber ich dachte mir immer, dass ich eher der Bühnentyp bin und dort hingehöre. Außerdem ist das Publikum in Comedy-Shows deutlich motivierter und zudem meist freiwillig und gerne da. Das ist ein Vorteil, haha. Man möchte so etwas ja immer gern hauptberuflich machen, aber dann kommt man ins Zweifeln, da es ja besonders am Anfang kein sicherer Job ist und viele Künstler, die ich persönlich kenne, auch häufig finanzielle Probleme haben. Wie AC/DC schon treffend formulierten: „It’s a long way to the top if you wanna Rock ‚n‘ Roll“!

Wo hast du dich dann als Stand-up-Comedian zum ersten Mal zeigen können?

In der Dresdner Neustadt habe ich die offene Bühne besucht. Dort hatte ich Ende November 2019 meinen ersten Auftritt. Bei einer offenen Bühne wird ja so ziemlich alles präsentiert. Jeder, der oder die möchte, kann dort auftreten, womit auch immer. Das ist großartig, aber für Comedians nicht leicht. Nach einer tollen, aber eher melancholischen Kurzgeschichte ist es natürlich eher ungünstig direkt mit Stand-up-Comedy weiterzumachen, aber da musste ich durch. Bei der offenen Bühne wurde ich dann von den Organisatoren einer echten Comedy-Show namens „Doppelmoral“, die jetzt „Stand Up Dresden“ heißt, angesprochen und eingeladen. Dort bin ich dann im Dezember 2019 zum ersten Mal aufgetreten und hatte viel Spaß. Die Leute kommen ja gezielt zu Comedy-Shows, weil sie Lust auf Comedy haben und lachen wollen. Ich hatte dort zum ersten Mal wirklich meine Zielgruppe vor mir sitzen. Das war gleich eine ganz andere Atmosphäre und da habe ich dann so richtig Blut geleckt.

Gibt es in Sachsen noch weitere Möglichkeiten, sich zu präsentieren?

Die Comedy-Szene in Sachsen ist leider sehr klein, vor allem für Newcomer, und es gibt nur wenige Open-Mic-Comedy-Shows. Neben „Stand up Dresden“ gibt es noch „Lachfalten“ in Chemnitz und „Leipzig Allerlei“ in Leipzig. Olaf Schubert hat auch seine Comedy-Show namens „Olafs Klub“ in Leipzig. Dort treten allerdings eher Profis der Branche auf. Ich würde dort natürlich auch gerne mal auftreten, also Olaf, falls du das hier liest: Ich hab‘ Bock! (lacht). Die genannten Open-Mic-Shows für Newcomer finden allerdings nur einmal monatlich statt. Deswegen wollte ich nach Berlin, denn dort kann man an jedem einzelnen Tag sogar mehrmals in Comedyclubs auftreten. Dort ist gerade eine völlig neue Comedyszene stark am Wachsen.

Was ist das für eine Szene?

Die neue Comedyszene in Berlin hat sich vom Humor der 90er-Jahre zurecht völlig verabschiedet, wo vieles aus heutiger Sicht sexistisch, rassistisch und oft homophob ist und immer war. Das ist ja alles kein Humor mehr, der heute noch aktuell ist. Es gibt dennoch sehr erfolgreiche deutsche Comedians, die diese Schiene nach wie vor noch fahren, leider. Die Szene in Berlin versucht dem entgegen zu wirken und eine neue Art von Humor nach dem Vorbild der amerikanischen Stand-up-Comedy auch in Deutschland zu etablieren. Die Amerikaner sind uns beim Thema Stand-up-Comedy meist circa 10 Jahre voraus. Wird Zeit, dass Deutschland nachzieht. Die Jungs vom Stand-up-Kollektiv „Standup 44“ um Felix Lobrecht sind da ein gutes Beispiel.

Heißt das, es ist heute verpönt, sich über andere lustig zu machen?

Sich generell über andere lustig zu machen, das war ja noch nie cool. Ich habe immer zu Künstlern aufgeschaut, die so etwas nicht machen, wie zum Beispiel Hape Kerkeling. Er hat seine Charaktere und Figuren immer so gestaltet, dass sie eher eine Hommage an tragisch-komische Figuren sind statt sich über sie zu erheben und sich über sie lustig zu machen. Teddy Teclebrhan macht das aktuell auch fantastisch. Humor sollte auf Augenhöhe sein. Man sollte miteinander und nicht übereinander lachen, finde ich.

Wie ging es in Berlin weiter?

In Berlin kann man sich als Newcomer für offene Bühnen anmelden, wo häufig auch Profis wie Michael Mittermeier, Felix Lobrecht oder Torsten Sträter ab und zu auftreten, um ihr neues Material zu testen. Dort hatte ich dann meinen ersten Auftritt im Mad Monkey Room. Das ist DER Berliner Comedy-Club schlechthin. Mein Auftritt dort war am 10. März. 2020 und am 11. März wurden alle Veranstaltungen aufgrund der Pandemie abgesagt. Ich hatte eigentlich den Plan, mindestens eine Woche in Berlin zu bleiben und jeden Tag aufzutreten, doch daraus wurde nichts. Kaum als Comedian angefangen, musste ich schon wieder aufhören. Das war bitter.

Aber du hast offensichtlich nicht aufgegeben.

Nach den ersten Öffnungen im Sommer habe ich den zweiten Anlauf in Berlin gewagt. Ich bin dann eine Woche lang jeden Tag aufgetreten und hatte sehr großen Spaß, habe viele tolle Leute kennengelernt und bin in die Szene ein bisschen eingetaucht. Das ist schon eine ganz andere Welt in der Comedy-Hochburg Berlin. Die Hosts der Shows haben mich super lieb aufgenommen und ich hatte viele tolle Gespräche mit anderen Comedians aus der Szene. Ich vermisse das sehr.

Gibt es eine Comedy-Spezialität von dir?

Da ich ja noch ganz am Anfang stehe, suche ich mich noch auf der Bühne und in der Comedy-Welt. Es gibt diesen Begriff der „Stage Persona“ und diesen Bühnen-Jonas suche ich gerade noch. Wer möchte ich auf der Bühne sein? Welche Art von Humor passt zu mir? Da probiere ich mich zurzeit noch viel aus, ich hatte ja noch nicht die Möglichkeit meine Nische zu finden bei den wenigen Live-Auftritten.

Man findet von dir ein paar neu synchronisierte bekannte Filmszenen im Internet. Wäre das nicht was?

Ja, da bin ich genau in meinem Element. In Rollen schlüpfen, parodieren, Figuren erschaffen, die Stimme verstellen, das ist schon mein Ding. Die kurzen Comedy-Synchro-Videos machen unglaublich viel Spaß, aber auch sie gehören zu meiner Ausprobier- und Findungsphase als Comedian. Ich werde davon definitiv noch ein paar mehr produzieren. Einen Schaupiel-Workshop in München habe ich auch mal belegt und in zwei Kurzfilmen mitgespielt. Das Schauspielern macht mir auch extrem viel Spaß. Zudem bin ich auch noch Musiker mit Leib und Seele. Also Bühnenmensch durch und durch.

Das klingt so, als wärst du fürs Show-Business geboren.

Ich würde das schon sehr gerne machen. Auf der Bühne zu stehen und zu erleben, wie sich die Leute freuen, kaputtlachen und am Ende glücklich nach Hause gehen, da geht einem ja auch selber das Herz auf, auch weil man mit den Leuten gemeinsam auf Augenhöhe lachen kann. Das ist wirklich toll.

Angesichts der aktuellen Lage, ziehst du das alles jetzt weiter durch? Oder gibt es auch Zweifel?

Ich bleibe mit Comedy auf jeden Fall am Ball und habe jetzt den Plan gefasst, mit verschiedenen Konzepten bei YouTube einzusteigen. Etwa mit Interviews, witzigen Reportagen oder auch Sketchen. Zusätzlich arbeite ich in der Medienbranche, um Geld zu verdienen, da ich es etwas schwierig finde, Comedy mit einem Lehrerberuf zu vereinbaren. Denn wenn ich mal Punchlines mache, die etwas grenzwertiger oder provokativ sind, oder ich mal eine vulgäre oder derbe Sprache benutze aus einer Figur heraus, dann ist es natürlich schwierig den Schüler:innen gleichzeitig als Ethik-Lehrer etwas von richtigem Verhalten zu erzählen. Nicht alle verstehen nämlich sofort diese verbalen Überspitzungen im komödiantischen oder satirischen Sinne und könnten so Aussagen und Ansichten einer Figur als meine eigenen missverstehen. Ein Beispiel dafür ist Serdar Somuncu. Er ist ein Meister der extrem krassen Provokation in seiner Figur auf der Bühne. Seine Aussagen sind eigentlich zum Teil völlige No-Gos, wenn man sie aus dem Kontext seiner Bühnenfigur und auch aus dem Kontext seiner Person an sich und seinen Intentionen und Ansichten reißt. Mit seinen provokanten Äußerungen als Bühnenfigur schafft er es, die Diskussionen, z.B. über Rassismus oder Frauenfeindlichkeit anzuregen. Es ist halt seine Art von Satire und Kunst und er ist ein sehr intelligenter und großartiger Künstler. Aber wäre er noch gleichzeitig Ethik-Lehrer, könnte er sich wahrscheinlich vor aufgebrachten Eltern nicht retten, haha.

Lehrer sein in Corona-Zeiten, das klingt ja auch nicht gerade verlockend, oder?

Ja, ich stelle es mir zurzeit sehr schwierig vor Lehrer zu sein. Das Internet, falls überhaupt vorhanden, ist nicht immer das schnellste, die Schulen sind häufig schlecht ausgestattet und dann ist da noch die Ansteckungsgefahr und die ganze Organisation mit ständig neuen Verordnungen, was viele Lehrer überfordert. Es ist gerade keine einfache Zeit, in der der man weder Lehrer/in noch Schüler/in sein möchte. Für Comedy und die gesamte Kulturbranche ist es derzeit aber auch ein Alptraum. Abgesehen von Jeff Bezos geht es aktuell wahrscheinlich niemandem so richtig gut. Jan Böhmermann hat es bei Twitter treffend formuliert: „Die Pandemie tut uns allen nicht gut.“

Wie wichtig ist die Live-Bühne, das Rampenlicht?

Live vor Publikum aufzutreten ist ja sozusagen das Lebenselixir eines jeden Bühnenkünstlers. Es macht unglaublich viel Spaß. Ob das eigene Material gut ist, weiß man als Stand-up-Comedian auch erst dann, wenn man es vor Live-Publikum ausprobiert hat. Daher sind Live-Auftritte gerade für Comedians das Wichtigste. Alle Größen der Branche testen ihr Material zuerst vor Live-Publikum in kleinen Clubs, bevor sie damit auf großen Tourneebühnen auftreten. Von einer neuen Sechs-Minuten-Nummer kann man, wenn man Glück hat, am Ende vielleicht 20 Prozent gebrauchen. Viel funktioniert live einfach nicht so, wie man sich das beim Schreiben vorgestellt hat, aber das gehört dazu. Da muss man schon ein dickes Fell haben, aber dadurch lernt man auch extrem viel und sammelt wichtige Erfahrungen.
Man wächst mit jedem Live-Auftritt, daher muss man so viel auftreten wie möglich, um gut zu werden. Und da bin ich eben noch in der Anfangsphase und kann es kaum erwarten, dass die Bühnen wieder öffnen, auch wenn das in nächster Zeit wohl leider nicht passieren wird.

Wie sehen die Perspektiven generell aus?

In Berlin habe ich gemerkt, dass es sehr viele gibt, die genau das Gleiche machen wollen. Die Konkurrenz ist riesig, allein von der Anzahl her, aber auch von der Qualität. Oft dachte ich mir so: Krass, und nach diesem mega Auftritt soll ich jetzt noch auf die Bühne? Das ist ja so als würde man mit ‚ner kleinen Dorfband nach KISS auftreten, haha. Aber jeder fängt ja mal klein an. Dass live gerade nichts passiert, ist natürlich sehr schade. Und von Comedy zu leben ist sowieso schwierig. Besonders am Anfang. Es dauert eine gewisse Zeit, oft mehrere Jahre, bis man vielleicht mal in der Branche hauptberuflich auf die Beine kommt. Damit darf man aber nicht fest rechnen. Es gehört neben viel Arbeit und Motivation auch etwas Glück dazu, denke ich. Man braucht definitiv Durchhaltevermögen, Zuversicht und Vertrauen in sich selbst. Und Humor natürlich, haha.

Wann gibt es von dir etwas Neues zu sehen?

Da ich derzeit leider nicht live auftreten kann, um mein Material zu testen, nutze ich die Zeit und schreibe viel Neues. Außerdem ist mein Einstieg bei Youtube das nächste Projekt, an dem ich bereits arbeite. Ich denke, Ende Mai wird das erste Video online sein. Ich kündige das dann aber noch rechtzeitig auf meinen Social-Media-Kanälen bei Instagram (@jonasthehoff) und Facebook an und hoffe, dass meine Videos dann gut bei den Zuschauern und der YouTube-Community ankommen werden. Immerhin ist die Videoproduktion genauso Neuland für mich wie das Internet für die CDU, aber das wird schon.

Jonas Hoffmann im Internet:

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